Artikel über die »Vernetzte Nachbarschaft« im aktuellen Kulturspiegel

Artikel über die »Vernetzte Nachbarschaft« im aktuellen Kulturspiegel

Im Artikel »Eine bessere Stadt ist möglich« im aktuellen Kulturspiegel (05/2014) wird unser Projekt »Vernetzte Nachbarschaft« vorgestellt. Daniel Sander schreibt über die “Vernetzte Nachbarschaft”:

“‘Stadt selber machen’ ist deshalb alles – Forderung, Selbstermächtigung, Idealismus. Und manchmal auch die pure Notwendigkeit. Einer dieser Orte, um den sich niemand gekümmert hätte, wären die Bewohner nicht selbst aktiv geworden, ist die Berliner Fischerinsel. Wie Hochbunker ragen dort sechs Wohntürme mit ihren 21 Geschossen in Richtung Wolken. Um sie herum tobt die Zukunft, wie man sie sich in Berlin-Mitte vorstellt: Je nach Stockwerk und Himmelsrichtung blickt man auf direkte Nachbarn wie das Auswärtige Amt, die Stadtschlossbaustelle, den Alexanderplatz, das Nikolaiviertel und neue Ganz-Etagen-Lofts – eine wuselige Welt für Touristen, Hipster, Medienleute, Politiker und Internetunternehmer.

Auf der Fischerinsel, diesem südlichen Zipfel der Spreeinsel in der Mitte von Berlins Mitte, scheint dagegen die Zeit Anfang der siebziger Jahre stehengeblieben zu sein: etwa zu dem Zeitpunkt, als der Fortschritt die Altbaureste von der Insel fegte und mit modernstem Plattenbau ersetzte, knapp 1500 Wohnungen für etwa 3500 Menschen. Sie verschanzen sich in ihren mehr als 60 Meter hohen Burgen, man sieht kaum jemanden auf der Straße. Die meisten Läden in den Erdgeschossen stehen leer, in der Einkaufspassage harren nur noch ein Supermarkt, ein indisches Restaurant, eine Apotheke, ein Friseursalon und ein kleines Café aus. Während der Rest von Mitte nach der Wende zu boomen begann und nicht wieder aufhörte, wandelte sich die Fischerinsel zu einer Art Niemandsland. Kein echtes Problemviertel, aber auch kein Ort, in den irgendjemand investieren würde.

‘Das größte Problem ist, dass es unter den Nachbarn hier kaum ein Miteinander mehr gibt’, sagt Günter Voß, der schon sein ganzes Leben lang in der Gegend lebt. Voß ist 65 Jahre alt und Projektkoordinator des ortsansässigen SeniorenComputerClubs. Er träumt davon, das Niemandsland wieder lebendig werden zu lassen. “Das geht aber nur, wenn die Leute sich darüber austauschen, was sie verändern wollen”, sagt er. Viele der Einwohner leben seit Jahrzehnten dort, 35 Prozent von ihnen sind über 65 Jahre alt, aber an ihre Bedürfnisse wurde die Infrastruktur nie angepasst. Die Spielplätze verrotten, weil fast keine Kinder mehr da sind, für die vielen Senioren dagegen gibt es kaum irgendwo vernünftige Sitzgelegenheiten. ‘Die Menschen wollen sich ja engagieren’, sagt Voß. ‘Aber als Einzelner tut es dann eben doch niemand.’

Um aus den vielen Einzelnen eine Masse mit Stimme zu machen, haben sich Voß und einige Mitstreiter des Computer-Clubs vor ein paar Jahren mit drei jungen Doktoranden der Berliner Universität der Künste zusammengetan. Jennifer Schubert, Andreas Unteidig und Florian Sametinger gehören dort zum Lehrstuhl Designforschung und überlegen im ‘Design Research Lab’, wie man technische Innovationen auf menschliche Bedürfnisse zuschneidet. Auf der Suche nach einem Forschungsprojekt für ihre Doktorarbeiten sind die drei auf die Fischerinsel gestoßen, weil sie das soziale Gefüge dort so interessant fanden. ‘Uns ging es am Anfang vor allem darum, Kommunikationstechnik vor Ort zu erforschen, und da war die Fischerinsel aus demografischer Sicht besonders interessant’, sagt Schubert. ‘Alle Welt redet von digitaler Demokratisierung, aber wie lässt man auch ältere Menschen daran teilhaben, die mit der digitalen Welt nichts anfangen können?’

Denn Protest und ein gemeinsamer Wille zur Veränderung formieren sich heute wirkungsvoller via Facebook oder Twitter als über gelegentliche Sitzungen einer Bürgerinitiative. Daraus wuchs die Idee, den Fischerinsel-Bewohnern dabei zu helfen, sich untereinander zu vernetzen, um gemeinsame Ziele zu finden und für diese gemeinsam zu kämpfen. ‘Vernetzte Nachbarschaft’ nannten sie das Projekt und stellten schnell fest, dass sich ur-analoge Gewohnheiten nicht so schnell brechen lassen. ‘Den Leuten einfach zu erklären, wie Facebook funktioniert, reicht nicht’, sagt Schubert. ‘Wir mussten ihnen den Übergang in die digitale Welt mit ganz analogen Mitteln schmackhaft machen.’ Und so entwarfen sie etwas, das einerseits vertraut war – andererseits aber ganz neu. Einen guten alten Briefkasten – allerdings einen, der sowohl analog als auch digital funktioniert.

Man kann normale Zettelbotschaften in den Kasten einwerfen, die sofort eingescannt und auf eine digitale Plattform übertragen werden, einen Blog etwa. Gleichzeitig kann man sich auf dem Display des Kastens durch alle eingeworfenen Botschaften scrollen. Die Senioren vom Computer-Club trommelten die Nachbarn zusammen und erklärten die Idee: eine Mischung aus Schwarzem Brett und Internetforum. Das war anfangs eher als Spielerei gedacht, um die Leute auf die vernetzte Nachbarschaft aufmerksam zu machen, kam aber bei der ersten Aktion so gut an, dass nach dem ersten Prototypen derzeit ein Modell entwickelt wird, das dauerhaft aufgestellt werden kann.

Auf der Fischerinsel konnten sich die Bewohner mit Hilfe des Briefkastens derweil auf ihr erstes gemeinsames Ziel einigen und für dessen Umsetzung kämpfen. Mit Erfolg: Die vergammelten Bänke an der Uferpromenade sind nach jahrzehntelanger Untätigkeit der Stadt endlich von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte renoviert worden, ein paar neue Papierkörbe gab es dazu, und die Anwohner selbst haben gemeinsam eine kleine Grünfläche am Wasser neu bepflanzt. Im vergangenen Jahr gewann das Projekt “Vernetzte Nachbarschaft” den Lübecker Nachbarschaftspreis, mittlerweile haben Schubert, Unteidig und Sametinger die Idee auch in Jerusalem vorgestellt.”

KulturSPIEGEL 5_2014 – Eine bessere Stadt ist möglich